EIN EHEMALIGER ZEUGE JEHOVAS BERICHTET

JEDER KENNT SIE

Wir alle hatten bestimmt schon mindestens einmal Kontakt zu einem Zeugen Jehovas. Sie klingeln an der Haustür, fahren mit ihrem kleinen Bücherregal durch die Straßen und warten in der Innenstadt darauf, dass man sie anspricht. So kennen wir sie. Doch selten erfahren wir, was WIRKLICH in den eigenen Reihen passiert. Sie reden von Glaube, Bibel und Errettung und man fragt sich manchmal: „Ja, das passt doch alles, wo ist da der Haken!?“ Sollten wir uns vielleicht mehr auf diese Zeugen Jehovas einlassen und anfangen sie zu akzeptieren? Oder sollten wir lieber aufklären, damit sich Menschen von dieser Gruppe fernhalten?

HIER EIN PAAR ZAHLEN:

2019 nennt die Religionsgemeinschaft eine Mitgliederzahl von 165.393 Zeugen Jehovas allein in Deutschland. Im Vergleich dazu hat die Evangelische Landeskirche 20,7 Millionen Mitglieder. Dennoch sind 165.000 eine beachtliche Zahl und mir stellt sich die Frage, warum weiß ich so wenig über diese Zeugen?

WO IST DER HAKEN?

Um mehr Klarheit bei diesem Thema zu bekommen, habe ich also das offizielle Glaubensverständnis der Zeugen Jehovas gelesen und muss bei vielen Punkten einfach nur „Ja“ und „Amen“ sagen. Stutzig werde ich allerdings an 3 Stellen.

  1. Sie sagen: „Allerdings glauben wir nicht, dass Jesus der allmächtige Gott ist.“ Ich persönlich glaube an die Dreieinigkeit, Jesus ist Gott – und Person. https://www.erf.de/glaubens-faq/trinitaet-die-unloesbare-gleichung/33618-59
  2. Sie glauben: „Eine relativ kleine Anzahl von Menschen, nämlich 144 000, werden nach ihrem Tod im Himmel leben.“ Ich persönlich nehme die Zahl 144.000 nicht wörtlich.
  3. Sie sagen: „dass Christen ‚kein Teil der Welt` sein sollen“

DER GOLDENE KÄFIG

Ich habe nicht gezielt nach Fehlern gesucht, sondern ich wollte einfach nur meine Gedanken zu diesem Thema sortieren. Ich habe also einen ehemaligen Zeugen Jehovas – Ingo – eingeladen, mit mir über seine Vergangenheit zu sprechen (Das ganze Interview findest du auf unserer Instagramseite 🙂 ).

Schnell ist mir klar geworden: Die von den Zeugen definierten Glaubensaussagen stimmen nicht mit dem LEBEN überein. Ingo berichtete: „Ich habe in einem goldenen Käfig gelebt.“ Sein Leben war geprägt von Druck, Last und Abschottung. Er musste sich ständig mit Lektüre von den Zeugen weiterbilden, durfte auf keinen Fall andere Konfessionen studieren. Er musste der Rolle als perfekter Ältestensohn entsprechen. Er musste regelmäßig missionieren und Listen führen, die das Glaubensleben bewertet haben, denn Glaube ohne Taten ist ja tot. Das für mich schockierendste: Da der Christ kein Teil dieser Welt ist, blieben jegliche Treffen und Beschäftigungen in der „heidnischen Welt“ verboten. Keine ungläubigen Freunde, keine Freizeit außerhalb der Gemeinde, keine Geburtstage oder andere heidnischen Feste wie Weihnachten und Ostern und natürlich niemals Zeit mit einem Mädchen alleine. Der einzige Kontakt ist das missionieren, wo man sich selbst als geheiligte Oberschicht betrachtet. Was klingt wie konservativ veraltete Tradition, sind tatsächlich „Schutzmaßnahmen“, um den heiligen Glauben zu bewahren. So viele zusätzliche unausgesprochene Regeln, die man beachten soll, die allerdings so nicht offiziell auf einer Website zu finden sind. Ein goldener Käfig, in dem es dir gut geht, solange du dich darin befindest.

Schnell wird klar, dass die Zeugen doch einige Eigenschaften einer Sekte mit sich bringen. Ablehnung von Außenstehenden. Sie verkünden einen privaten Heilsweg, bei dem nur wenige errettet werden. Keine Beziehungen in die Außenwelt. Mitglieder werden durch Listen kontrolliert.

„ICH WEIß NICHT MAL MEHR, OB MEINE ELTERN NOCH LEBEN.“

Als Ingo sich entschlossen hat aus dem Kreis auszutreten und sein Elternhaus zu verlassen, begann das Drama. Er verlor den Kontakt zu seiner Familie. Traurig erzählt er mir: „Ich weiß nicht mal mehr, ob meine Eltern noch leben.“ Stille im Raum. Ich weiß nicht, was man dazu sagen sollte. Selbst als der Opa gestorben ist, Ingo geheiratet hat und die ersten Kinder kamen, wollte die Familie keinen Anteil daran nehmen. Ingo war ein Ausgestoßener und wurde mehr verachtet als die dunkle Außenwelt.

Während eines Einsatzes auf seiner Arbeit als Rettungssanitäter begegnete er einer verletzten Zeugin Jehovas in ihrem Apartment. Er sollte ihr aufhelfen und sie ins Krankenhaus fahren. Sie wendete den Blick ab und sagte: „Fassen Sie mich nicht an.“ Man kannte ihn. Sein Name wurde verlesen, als Ausgestoßener der Gruppe. Es hatte sich herumgesprochen. Schockierend höre ich diese Geschichte von Ingo und muss schlucken. Wo ist die Nächstenliebe? Wo sind die liebevollen Gespräche unter Menschen? Warum fragt ihn keiner, warum er ausgetreten ist? Was hatte dieser Mann verbrochen, dass er für seinen Austritt so gedemütigt wurde? Er wollte Menschen wieder zum Geburtstag gratulieren, wollte die Welt kennenlernen und hat den ständigen Druck und die Vorschriften nicht mehr ausgehalten. Das war alles.

Sie haben sich anfänglich sehr um sein Wohl gesorgt. Ständige Anrufe, Emails und Nachrichten erreichten Ingo nach seinem Austritt. Eines Tages klingelten Sie wieder an seiner Haustür und Ingo öffnete die Tür. „Schön, dass wir dich jetzt endlich mal treffen.“ Ingo warf sie wieder raus.

Diese Gemeinschaft zu verlassen braucht viel Mut. Viele Zeugen versuchen über geheime Netzwerke das System zu verlassen, treffen sich in geheimen Internetgruppen und versuchen sich gegenseitig Mut zu machen. Wer den goldenen Käfig verlässt, hat keine Freunde, keine Familie, keine Versorgung und keinerlei soziale Unterstützung mehr.

FREIHEIT

13 Jahre hat es gebraucht, bis Ingo wieder eine Gemeinde besuchen konnte. In einer freievangelischen Pfingstgemeinde erlebte er, wie Gott ihn tief berührte, ihn wieder zu sich zog und ihn wieder aufbaute. Ingo bekannte sich wieder zu Gott und darf seinen Glauben nun in Freiheit leben. Was hat sich geändert? Das Verständnis von Gnade ist ein anderes. Der Mensch darf Fehler machen, der Mensch ist in jedem Moment seines Lebens auf Gottes Gnade angewiesen und muss sich weder vor Gott, noch vor der Gemeinschaft beweisen.

Nur dieses Interview hat mir bestätigt, warum ich immer diese gewisse Skepsis gegen Zeugen Jehovas hatte. Natürlich ist keine Konfession perfekt, aber ich würde auch nicht jede Konfession als Sekte bezeichnen. Auch glaube ich, dass man nicht alle Gemeinden der Zeugen über einen Haufen werfen kann. In jeder Gemeinschaft gibt es wirklich wiedergeborene, errettete, ehrliche und liebevolle Christen. In so eine Gemeinschaft aber, die Ingo erlebt hat, möchte ich keinen Fuß setzen, denn der wirkliche Sinn vom Evangelium ist verloren gegangen.

Die Menschen, die gemieden werden, möchte ich erreichen. Ich möchte Gnade und Annahme verkünden. Und ich möchte Menschen lieben, unabhängig von ihrer Konfession, ihren Eigenschaften und ihren Fehlern.

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